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DIESER DICHTER IST EIN GLÜCKSFALL FÜR DIE DEUTSCHE LITERATUR. ER IST LUXEMBURGER

NZZ, 20. 02. 2019

Guy Helminger ist ein Frühaufsteher, den täglich die Lust am Text packt. Und in seiner Stammkneipe verkauft der Wirt auch seine Bücher.

Die Gegenwartsbelletristik oder das, was man ehemals schöne Literatur nannte, ist in unserem Jahrzehnt randvoll mit papierenen Entwürfen, zu Romanen gestylt und gestutzt, aus den Tastaturen von Journalisten, Lektoren, Werbetextern und Schauspielern, die die Umschulung der Sprache auf ein nicht mehr sinnlich Wahrnehmbares vollführen. Das Resultat ist etwas, das nichts mehr wissen will von Dichtung und Epik, von der Vertracktheit und Hintergründigkeit des Erzählens, den Fragmenten als «heilem Teil der Moderne», den losen Enden der Parabel.

Wie gut ist es darum zu wissen, dass jene, die vom Wort herkommen, anderes im Sinn führen. Und dass es jenseits der Bestsellerlisten grosse Kunst gibt, die sich nicht in einer Nische befindet, wie häufig behauptet wird, sondern auf einem Pfad, einem Passweg, mitunter auf einer Gratwanderung.

Vielleicht auch in einem Gebirgsmassiv oder auf einer Meeresstrasse, wo man einen wie Guy Helminger antreffen könnte. Einen, der Sprache als körperliches Werkzeug begreift, als Geräusch und Gesang, als einen Akt der Wahrhaftigkeit dessen, was wir als Individuen veräussern können. Mag der Begriff vom täglichen Wortwerk, von der unbändigen Arbeit an der Sprache, für einige altmodisch klingen, mit diesem Dichter wird er lebendig und handgreiflich. «Schreiben ist kein Akt, der am Tisch beginnt. Ich schreibe immer, egal, ob ich in der Bahn sitze oder in der Kneipe stehe», sagte Helminger in seinen Poetikvorlesungen an der Universität Duisburg-Essen.

Man muss sich ihn als Frühaufsteher vorstellen, den täglich die Lust am Text packt. Wobei man gleich ergänzen muss: Lust und Schmerz, denn seine Geschichten gehen selten gut aus. Erinnert sei an die Erzählungen aus «Etwas fehlt immer», dem fulminanten Band der nuller Jahre, in denen Figuren auftauchen zwischen Wirklichkeit und Wahn. Borderliner, urbane Freaks und zärtlich Verrückte. Wie in «Pelargonien», der beim Bachmannpreis 2004 preisgekrönten Geschichte, in der ein junger Mann in eine Obsession zu einer Frau, die einen Unfall erlitten hat, gerät und ihr täglich Blumen ins Krankenhaus bringt. Die Geschichte endet natürlich tragisch.

Guy Helminger ist ein Berserker und wie wenige andere in allen Genres zu Hause: kurzer Prosa und Theater, Lyrik und Hörspiel, Essay und Roman. Er kennt ihre Höhen und Tiefen und liefert seit mittlerweile dreissig Jahren Texte, die zugleich widerständig und lebensprall sind. Bejahend nicht im Sinne von Kirche, Staat und offizieller Moral, sondern in Form einer narrativen Durchörterung und Querung von parallelen Wirklichkeiten, von Seelen- und Angstzuständen. Seine Texte sind von befreiender Kraft und dunklem Humor:

«Meine Herren Sprachdeputierte / Hier bin ich! Also auf zur Promenade! / Links der Sand gegenüber die / Choreographie die ich fürs Meer schrieb / . . . Ich treibe Stollen ins Gesprochene / aber deine Unterwäsche hat nichts / mehr mit meinen Träumen zu tun / säurehemmende Mittel zum Malt / und Gänsehautprothesen Fado / Fernbedienung und Felle / schon jetzt / legen wir uns nachts nachm Bad ins frottierte / Licht und warten auf die Unterstützung unserer Lippen» («Lichter» aus dem Band «Libellenterz» von 2010).

Wer ihn, den Wahlkölner, in seiner Stammkneipe trifft, weiss, dass er einer ist, der die Gesellschaft anderer sucht: Menschen aus der Nachbarschaft, Fans des 1. FC, Berufspunks. Wenn er am Tresen steht, ist er automatisch einer von ihnen. Er hört sich ihre Geschichten an, erzählt selbst, nichts Abgehobenes, und lacht laut. Man muss die Sprache, die Reden der Leute kennen, ihre Biografien, die kleinen Tragödien, das unverhoffte Glück. Dass in dieser Beiz auch Bücher von Helminger verkauft werden, verwundert keinen.

Geboren wurde er vor 56 Jahren in Esch an der Alzette, einem beschaulichen Städtchen zwischen endender Industrialisierung und tiefer Provinz, wo er beinah ein Rockstar ist und eine eigene TV-Sendung hatte. Drei Sprachen finden hier Eingang in die Schrift: Französisch, Deutsch und Letzeburgisch. Und dass man über die Literatur des kleinen Landes wenig weiss, hat seine Gründe: Wo liegt eigentlich Luxemburg? Zu dieser Frage weiss Guy Helminger eine Anekdote zu erzählen. Als er einst auf eine Gruppe Nordamerikaner traf und nach dem kleinen Land fragte, schüttelten alle bis auf einen den Kopf. Und dieser rief: «Ich weiss, wo Luxemburg liegt: Das ist eine Insel im Pazifik!»

Man hat Helminger vor Jahren den Henri Michaux Luxemburgs genannt, einen Meister des Surrealen, Exorzistischen und Absurden. Doch seine Texte wurzeln in unserer Gegenwart, wie man an seinem Roman «Neubrasilien» sehen kann. In ihm verwebt der Autor die Gegenwart mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, als eine Gruppe luxemburgischer Landbewohner nach Südamerika auswanderte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends kommen, als seien es Wiedergänger der einstigen Auswanderer, Flüchtlinge in die Bankenstadt Luxemburg. Doch das Steuerparadies erweist sich nicht in allem als sicherer Ort für die Menschen vom ehemaligen Balkan. Werden sie eine Zukunft haben, und wie sieht diese aus?

Mit diesem Roman, geschrieben weit vor der Flüchtlingskrise, zeigt Helminger sein grosses dramaturgisches Geschick für Geschichte und Zeitläufte. Hier erweist er sich als später Realist. Wie in allen seinen Texten durchmisst er die Dunkelheit, die tausend Quadratkilometer Nacht, und erforscht das Licht eines beliebigen Tages. Seine Ästhetik ist geprägt von Joyce, Beckett, Pulp Fiction und den Avantgarden. Würde man ihn nach der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur fragen, den Bölls und Grass, käme schallendes Gelächter. Es ist Zeit für einen Helminger, man schlage ihn auf.

Tom Schulz

Guy Helminger: Die Tagebücher der Tannen. Gedichte. Edition Rugerup, Berlin 2018. 144 S., Fr. 28.90.

 
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